Übersetzungsarbeit in der Europäischen Union

Sprache und Politik: Europas Babylon

Vielsprachigkeit ist ein Grundpfeiler Europas. Doch sie bedeutet auch, dass die Europäer nur schwer zusammenfinden.

Die Dänen lachen als letzte. Diese Weisheit aus dem Europäischen Parlament spielt keineswegs auf eine etwaige Humorlosigkeit der Nordeuropäer an, sondern auf den komplizierten Übersetzungsablauf bei den Plenarsitzungen der Europaabgeordneten. Lockert etwa ein griechischer Abgeordneter seine Rede mit einem Scherz auf, so werden sich seine Worte den Englisch- und Französisch Sprechenden dank der Simultanübersetzung schnell erschließen. Der dänische Dolmetscher, des Griechischen nicht mächtig, muss aber auf eine dieser so genannten Relay-Sprachen zurückgreifen, ehe der Witz via Kopfhörer auch den Dänen erheitert.

Im Parlament müssen alle Debatten, in der Kommission unzählige Konferenzen und im Rat viele Sitzungen in alle 11 Amtssprachen übersetzt werden. Dabei kommen bis zu 110 Sprachkombinationen vor. Um diese Vielfalt zu bewältigen, bedient sich der größte Dolmetscher- und Übersetzerdienst der Welt der Relay-Verdolmetschung. Dieses umständliche Verfahren macht aber eine wirkliche Verständigung kaum möglich. Zeitverzögerung, Fehleranfälligkeit und der Umstand, dass der Stil des Redners völlig verloren geht, sind mit dafür verantwortlich, dass Parlamentsdebatten in Straßburg und Brüssel schon jetzt bisweilen öde und flach verlaufen.

»Wir müssen dringend eine Lösung für die babylonischen Verhältnisse in der EU finden«, fordert der Direktor des Übersetzungsdienstes am Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg, Gerhard Weber. Seine Mitarbeiter, 230 ausgebildete Juristen, von denen jeder fünf bis sechs Sprachen beherrscht, übersetzen pro Jahr 330.000 Seiten komplizierter Texte. Sie gelten als schnellste und beste Übersetzertruppe der EU. Trotzdem sind sie mit 140.000 Seiten im Rückstand. Der Personalmangel führe zu unmöglichen Verfahrens-Verlängerungen. Urteilsverkündigungen verzögerten sich um Monate. Ein Beispiel: Beim Urteil zum so genannten Zement-Kartell vor etwa einem Jahr mussten 23.380 Seiten Stellungnahmen übersetzt werden. 20 Übersetzer waren mehr als ein Jahr lang beschäftigt.

Selbst bei einer Erweiterung der EU um lediglich fünf Länder rechnet Gerhard Weber mit einer Verdoppelung seines Jahrespensums. Um das zu bewältigen, bräuchte er etwa 500 versierte Übersetzer, die zum Teil Sprachen wie Estnisch oder Slowenisch beherrschen und noch dazu Juristen sind. Davon gebe es aber nicht genug.

Das Problem hat der EuGH selbst verursacht, als er den Vorrang des europäischen Rechts vor dem nationalen Recht proklamierte. Die Vielsprachigkeit führt nun aber zu juristischen Ungereimtheiten, da bisweilen verschiedene Sprachfassungen derselben Richtlinie unterschiedliche Rechtsinterpretationen erlauben. Andererseits sei die direkte Wirksamkeit europäischen Rechts in den Mitgliedstaaten aber nicht gewährleistet, sagt Gerhard Weber, wenn das entsprechende Gesetz nicht in gleicher Form in jeder Amtssprache vorliege. An der Übersetzung zentraler Rechtsakte in alle nationalen Amtssprachen komme man also nicht vorbei.

Trotzdem ist die Reform der institutionellen Sprachregelung in der EU unausweichlich. Niemand weiß das besser als die Europapolitiker, die sich regelmäßig im europäischen Turm von Babel zurechtfinden müssen. Wie aber dem Wirrwarr entkommen? Schließlich ist Sprache ein wichtiger Machtfaktor. Wer in seiner Muttersprache debattieren kann, ist dem Fremdsprachler in der Regel rhetorisch überlegen und weniger schnell erschöpft. Nicht zu vergessen das Prestige, das mit einer Amtssprache verbunden ist.

In ihrer Not werden die europäischen Institutionen nun erfinderisch und erwägen zum Beispiel die Einführung von Latein als Amtssprache. Was als Witz klingt, ist purer Ernst. Die finnische Regierung hatte zur Freude des Vatikans bereits vor einem Jahr angefangen, wichtige Dokumente in lateinischer Sprache zu publizieren. Mit der Initiative reagierten die Finnen auf den Protest der deutschen Regierung, dass im EU-Ministerrat Deutsch gegenüber Französisch und Englisch benachteiligt werde.

Das Problem betrifft die EU-Institutionen sehr unterschiedlich. In der Kommission und im Ministerrat sind schon seit langem Französisch, Englisch und in geringerem Maße Deutsch de facto die internen Arbeitssprachen, eine Tatsache, die die nationalen Eitelkeiten erregt. Als Vertreterin der mit rund 100 Millionen deutschen Muttersprachlern größten Sprachgruppe fühlt sich die deutsche Regierung diskriminiert. Die französische Regierung wiederum verwindet nicht, dass das Englische die EU-Gründungssprache Französisch immer mehr auf den zweiten Rang abdrängt. Länder wie Spanien wiederum sehen in der bestehenden Sprachregelung einen Ausdruck des Machtgefälles zwischen Nord- und Südeuropa.

Schließlich melden sich auch noch einige der 80 europäischen Sprachgruppen zu Wort, die im eigenen Lande keinen offiziellen Status besitzen. Die Katalanen halten es beispielsweise für eine gute Idee, dass Katalanisch zur EU-Amtssprache erhoben wird.

Papierberge

Verordnungen und internationale Übereinkommen, Grundsatzpapiere und Reden, Haushaltspläne und Sitzungsprotokolle. Es gibt fast nichts, was nicht vom Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission übersetzt wird. Die Gesamtproduktion beträgt fast eine Million Seiten jährlich. Ins Deutsche wird am häufigsten aus dem Englischen und Französischen übersetzt. Bei der Zahl der übersetzten Seiten liegt Deutsch vorn, gefolgt von Englisch und Französisch.

Seit 1998 können die Übersetzer auf ein Programm zurückgreifen, das einen Ausgangstext mit bereits übersetzten Texten vergleicht und bei hinreichender Ähnlichkeit eine Übersetzung anbietet. Weitere Hilfe: Ein automatisches System kann bis zu 2000 Seiten pro Stunde bearbeiten. In wenigen Minuten liefert »Systran« eine Rohübersetzung, die bei Bedarf aber noch »von Hand« überarbeitet werden muss.

sochorek.cz (Deutsch <> Tschechisch) – professioneller Sprachmittler seit 1995

Pieter Brueghel d. Ä.: Turmbau zu Babel