Untertitelung von Filmen in der Schweiz

Wenn Filme »übersetzt« werden

Die Luzerner Cinetyp ist eine Pionierin der Untertitelung

Traduttore – traditore: Jeder Übersetzer ist ein Verräter am Original. Traduzione – tradizione: Übersetzung ist aber auch Tradition, ist Überlieferung. Das gilt ebenso für die heute populärste Kunstform, den Film, und für seine Vermittlung in andere Sprachräume. Während die Synchronisation in der Schweiz weniger aus kulturellen denn aus wirtschaftlichen Gründen einen schweren Stand hat, ist die Untertitelung als Übertragungsform hierzulande seit Jahrzehnten fest verwurzelt. Michel Bodmer hat sich bei der Untertitelungsfirma Cinetyp in Luzern umgesehen.

Die Luzerner Cinetyp ist ein echter Pionierbetrieb. 1937 von den Filmverleihern Hermann und Jean Weber als erste eigentliche Untertitelungsfirma gegründet, wurde die Cinetyp 1968 von Georg Egger übernommen. Im Laufe der Jahrzehnte sind die technischen Einrichtungen und damit auch die Untertitelungsmethoden in der von Bäumen beschirmten Backsteinvilla allmählich modernisiert worden, vorwiegend durch hauseigene Entwicklungen.

Das Einätzen der Titel auf Grund von Klischees ist 1993 der teureren, aber sichereren Lasertechnologie gewichen, die von der aufstrebenden Konkurrenz (Titra, LTC) vorangetrieben wurde. Der Betrieb beschäftigte 1968 noch 42 Festangestellte und produzierte 8 bis 10 Kopien die Woche; heute werden mit einem Festpersonal von 12 Personen 25–30 Kopien wöchentlich hergestellt.

Drei feste Übersetzerinnen im Monatslohn werden nach Bedarf durch freischaffende Mitarbeiterinnen ergänzt, etwa wenn kurzfristig für Festivals ungewohnt viele Filme untertitelt werden müssen. Nicht von ungefähr wird das Untertiteln fast ausnahmslos von Frauen ausgeübt. Georg Egger schreibt dies teilweise dem Umstand zu, dass es keine Aufstiegsmöglichkeiten gebe – was Männer abschrecke; der Übersetzer und Dolmetscherberuf sei generell von Frauen dominiert.

Übersetzung im Akkord

Für das Übersetzen und das Spotting (das Festlegen der Stellen, an denen die Titel erscheinen sollen) stehen pro Film in der Regel insgesamt fünf Tage zur Verfügung. Das Spotting wird an einer Art Schneidetisch vorgenommen, bei dem parallel zur 35mm-Kopie des Films ein Papierband mitläuft, auf dem die zeitlichen Platzierungen der Titel mit Bleistift eingetragen werden. Diese etwas hemdsärmelige und umständliche Methode soll in naher Zukunft durch Computer und Mausklick ersetzt werden, was eine Effizienzsteigerung verspricht. Ein Untertitel hat in der Regel nicht mehr als 40 Anschläge je Zeile; ein einzeiliger Untertitel erscheint knapp drei Sekunden im Bild, ein zweizeiliger rund fünf Sekunden. In der Schweiz wird bei drittsprachlichen Filmen aus Spargründen gemeinhin jede Kopie deutsch und französisch untertitelt, so dass die zweizeiligen, aber zweisprachigen Titel nur so lange wie ein einzeiliger stehen.

Aus wahrnehmungspsychologischen Gründen sollte ein Untertitel nicht einen Bildschnitt überschreiten; der Bildwechsel suggeriert, dass auch der Titel gewechselt hat, und veranlasst das Auge, mit dem Lesen von vorn zu beginnen. Wollten die Cinetyp-Mitarbeiterinnen schnittüberschreitende Titel aber konsequent vermeiden, so wären sie zu einer noch stärkeren sprachlichen Verknappung gezwungen als gewöhnlich. Bei schnellen Schnittsequenzen, wie sie heute im Kino üblich sind, ginge das auf Kosten einer fast vollständigen Unterschlagung des Dialogs. Es geht also nicht ohne Kompromisse. Die zwei grundverschiedenen Arbeitsgänge Übersetzung und Spotting gehen nebeneinander her; es wird laufend übersetzt und sofort zeitlich angepasst.

Das ist zwar quantitativ effizient, erschwert aber den Überblick über den Dialog als Ganzes, seinen Stil und Duktus, sprachliche Rückbezüge usw. Doch die Arbeitszeit ist ohnehin knapp bemessen, selbst wenn sie nicht durch Terminprobleme zusätzlich verkürzt wird. Jede Übersetzerin ist für ihre eigene Untertitelung allein verantwortlich. Zwar tauschen die Kolleginnen nach Möglichkeit Titellisten zum Gegenlesen aus, um mehr Fehler zu entdecken; eine systematische Redaktion oder Lektorierung der Übersetzung durch eine zweite Person, wie dies beim Fernsehen oder im Literaturbetrieb üblich ist, wäre aber zu aufwendig.

Kostendruck

Die Schweizer Filmverleiher wollen die Preise möglichst tief halten. Derzeit kostet eine Erstuntertitelung mindestens 5.000 Franken und jede weitere Kopie rund 2.000 Franken; so werden auf dem kleinen Schweizer Markt vor allem in Landkinos und in den Nachmittagsvorstellungen zunehmend die billigeren Synchronkopien aus Deutschland eingesetzt. Es gibt allerdings einige engagierte Verleiher, die die Untertitel ihrer Filme selbst kontrollieren, wenn es die Zeit erlaubt. Eine Simulation der Untertitelung, das heißt eine provisorische Einblendung der Titel vor dem endgültigen Einbrennen, bei der letzte Fehler (Schnittüberschreitungen u. ä.) erkannt und korrigiert werden können, liegt bei der Cinetyp trotz Lasertechnik (noch) nicht drin. Das kann sich nur das Fernsehen leisten beziehungsweise die um vieles teurere französische Konkurrenz, die staatliche Subventionen und Zuschüsse von Seiten der Produzenten genießt.

Egger verteidigt seine Firma und seine Mitarbeiterinnen aber nicht nur gegenüber den verwöhnteren Kollegen in Frankreich; er wettert zu Recht gegen schludrige Billigstkonkurrenten, die es sich leisten, Filme nur auf Grund der Dialoglisten zu untertiteln, ohne das Bild zu berücksichtigen, was zu besonders krassen Sinnfehlern führt. Jede Untertitlerin muss aus dem Englischen, aus dem Französischen sowie aus einer dritten Sprache übersetzen und kann sich auch nicht auf Genres spezialisieren; wer frei ist, übernimmt den nächsten Film, egal ob es der Disney-Trickspaß »Aladdin« ist oder eine zweisprachige Theaterverfilmung wie »Tectonic Plates« von Peter Mettler.

Unterschiedliche Arbeitsqualität

Exotischere Sprachen werden auf Grund einer ins Englische übersetzten Dialogliste untertitelt, deren Stimmigkeit nicht überprüft werden kann. Die französischen Untertitel werden als Zweitübersetzung der deutschen Titel hergestellt, ohne Einbezug des Bildes; trotz Textkontrolle durch die ursprüngliche Untertitlerin sind da Fehler unvermeidlich. Angesichts dieser Arbeitsverhältnisse darf es nicht verwundern, dass die Arbeit der Cinetyp sehr unterschiedlich ausfällt; die Firma erhält denn auch regelmäßig Briefe von empörten Kinogängern, die es besser machen wollen.

Nicht ohne Häme erzählt Georg Egger von einer Kritikerin, die sich einst selbst an einer Untertitelung versuchte. Obwohl sie sich am Ende daran doppelt so lange abgemüht hatte wie normalerweise Eggers Mitarbeiterinnen, strotzte das Resultat vor Fehlern. Angeblich kroch die betreffende Journalistin dann zerknirscht zu Kreuze. Wie dem auch sei, ihr ursprünglicher Unmut ist durchaus verständlich.

So knapp auch kalkuliert wird – die Cinetyp ist kein Goldesel, und Georg Egger bezeichnet die Untertitelung mehr als Hobby, das er neben seinem Haupterwerb als Kinounternehmer betreibt. Er bleibt freilich ein vehementer Verteidiger dieser Übersetzungsform gegenüber der Synchronisation. Es ist zu hoffen, dass die Untertitelung von Originalversionen trotz Generationenwechsel im Publikum in der Schweiz weiterhin Bestand haben wird. Solange sich aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ändern, darf man von der Cinetyp und ihren Übersetzerinnen leider keine wesentliche Qualitätssteigerung verlangen.


Rückblick und Ausblick 2000

Die rasante Entwicklung der Technik in den vergangenen Jahren spiegelte sich auch in der Tätigkeit der Untertitelungsfirmen wider; beim Spotting kommen mittlerweile Computer zum Einsatz, wodurch die Arbeitseffizienz gesteigert werden konnte. Die Lasertechnik, mit deren Hilfe die im Computer erstellten Untertitel direkt auf die Filmkopie eingebrannt werden, gehört heute ebenfalls zum gängigen Standard. In der Gegenwart beschäftigen sich in der Schweiz mit der Untertitelung von Kinofilmen zwei Firmen; außer der oben beschriebenen Cinetyp in Luzern ist es Genfer Titra.

Der ökonomische Druck sowie die unter dem Einfluss des Fernsehens gepflegte Bequemlichkeit des Publikums haben zurzeit in den Kinos der Schweiz, des traditionell mehrsprachigen Landes, wo sich mehrere Kulturen überschneiden, den Rückzug der Untertitelung zu Gunsten von Synchronisation zur Folge.

Doch nicht nur der wachsende Trend zur Untertitelung in den Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich, sondern auch die bevorstehende Digitalisierung von Kinos, die es möglich machen wird, ein und dieselbe Filmkopie mit frei wählbaren Tonspuren oder Untertiteln zu projizieren, zeigen, dass diese Form der Film-»Übersetzung« auf jeden Fall ihre Zukunft sicher hat.

Was sich nicht geändert hat und in absehbarer Zeit vermutlich auch nicht ändern wird, ist die anspruchsvolle und undankbare, jedoch unersetzliche menschliche Arbeit der Übersetzer.