Sprachen in der EU vor der Erweiterung

Sprache und Erweiterung: Vielfalt bewahren

Die im Zuge der Osterweiterung wachsende Zahl der Amtssprachen stellt die Funktionsfähigkeit der EU in Frage.

Man hat es schon mal vernommen, das Sprach-Bild vom »Haus Europa«, an dem ständig renoviert und angebaut wird. Auch Patrice Husson, Referatsleiter des Programms »Multilingualität« bei der Europäischen Kommission, greift gerne auf diese Symbolik zurück, um zu verdeutlichen, wie es um die Sprachenvielfalt in der EU bestellt sein wird, wenn im Zuge der Osterweiterung bald bis zu zwölf Sprachen zu offiziellen Amtssprachen werden. Das Haus Europa, sagt Husson, verfüge derzeit über 11 Türen, sprich Amts- und Arbeitssprachen, und 40 Fenster, nämlich regionale Sprachen. Nach der Erweiterung könnte die Zahl der Türen auf 23 und die der Fenster auf 60 weiter ansteigen.

Mit 100 bis 200 Dolmetschern für jede Sprache, die neu hinzukommt, rechnet Archie Clarke, Berater für Erweiterung im Übersetzungsdienst der EU-Kommission. Das macht vor allem den kleineren Ländern zu schaffen, die nach Clarkes Meinung über einen unterentwickelten Markt an Dolmetschern verfügen.

Schon jetzt stellt das Prinzip der Vielsprachigkeit, also das Recht aller EU-Bürger, sich in ihrer Landessprache informieren und äußern zu können, die Union vor erhebliche Probleme. Auf jeder Sitzung der EU-Organe übersetzen zur Zeit 33 Dolmetscher in die elf Amtssprachen. Bei einer Erweiterung um zwölf Länder würden weitere 36 Dolmetscher benötigt. Abgesehen von erheblichen Personal- und Sachkosten wäre kaum zu vermeiden, dass die politische Arbeit weiter an Effizienz einbüßt. Wie also die Funktionsfähigkeit der Union erhalten und gleichzeitig die Vielfalt der europäischen Sprachlandschaft bewahren? Mehrere Lösungsansätze wurden bislang entwickelt. So sieht beispielsweise das Ein-Sprachen-Modell Englisch als alleinige Amts- und Arbeitssprache der EU vor. Der hohen Effizienz bei der täglichen Arbeit und der Kostenreduktion steht hier die Sprachen- und Kulturvielfalt Europas gegenüber. Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Mitgliedstaaten auf eine einzige Sprache werden einigen können.

Beim einfachen Drei-Sprachen-Modell gelten Englisch, Deutsch und Französisch als Amts- und Arbeitssprachen. Aber auch hier stehen Effektivität und Funktionalität zu sehr im Vordergrund. Für Manuel Schubert vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Patent-, Urheber- und Wettbewerbsrecht in München kommt als Lösung nur ein differenziertes Drei-Sprachen-Modell in Frage. Er schlägt vor, Englisch, Deutsch und Französisch als Amtssprachen festzulegen, in denen die Rechtsakte und sonstigen Handlungen der EU rechtlich verbindlich sind. Arbeitssprache, also die Sprache, in der die Organe der EU intern kommunizieren, soll Englisch sein. Für die Kommunikation der Organe der Union mit allen Mitgliedstaaten und ihren Bürgern aber sind die so genannten Unionssprachen zu verwenden, fordert Schubert. So bliebe die EU funktionsfähig, erkenne aber die nationale Sprache als einen wesentlichen Bestandteil der Identität jedes Mitgliedslandes an.

Sprachen in der EU – wer spricht was?

Englisch ist die am weitesten verbreitete Sprache in Europa. 47 Prozent der EU-Bürger geben an, Englisch sprechen zu können, 31 Prozent von ihnen als Fremdsprache. Während aber nur für jeweils 16 Prozent der EU-Bürger Englisch, Französisch oder Italienisch die Muttersprache ist, sprechen 24 Prozent der Europäer Deutsch als Muttersprache.