Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen

Der deutsche Reformator Martin Luther (1483–1546), der die ganze Bibel aus den Originalsprachen ins Deutsche übersetzt hat, beschrieb in dieser Schrift aus dem Jahre 1530 sein Übersetzungskonzept: Er strebte bei seiner Übersetzungsarbeit nach der größten Verständlichkeit für die Leser. Er lehnte wörtliche Übersetzungen ab, die dem Geist der Zielsprache widersprachen, und orientierte sich statt dessen daran, wie die Menschen reden.
Fett gesetzt sind im Text die Stellen, die auf diese Prinzipien eingehen.

Euch Wenzeslaus Link allen Christgläubigen Gottes Gnad und Barmherzigkeit. Der weise Salomo spricht Prov. 11 (26): »Wer Kern einbehält, dem fluchen die Leute. Aber Segen kommt über den, so es verkauft.« Welcher Spruch eigentlich zu verstehen ist von allem, das zu gemeinem Nutze oder Troste der Christenheit dienen kann. Darum schilt auch der Herr im Evangelio den untreuen Knecht einen faulen Schalk, daß er sein Geld in die Erden vergraben und verborgen hatte. Solchen Fluch des Herrn und der ganzen Gemeinde zu vermeiden, hab ich diesen Sendbrief, der mir durch einen guten Freund zuhanden gekommen, nicht zurückhalten können, sondern öffentlich in Druck gegeben. Denn dieweil der Verdolmetschung halben Alten und Neuen Testaments wegen viel Gerede sich zugetragen, daß nämlich die Feinde der Wahrheit vorgeben, als wäre der Text an vielen Orten geändert oder auch verfälschet, wodurch über viele einfältige Christen, auch unter den Gelehrten, so der hebräischen und griechischen Sprache nicht kundig, Entsetzen und Scheu gekommen, so ist wohl zu hoffen, daß aufs mindste zum Teil hiermit den Gottlosen ihr Lästern verhindert werde und den Frommen ihr Skrupel genommen werde, es vielleicht auch dahin kommt, daß mehr über diese Frage oder Materie geschrieben werde. Bitt derhalben einen jeden Liebhaber der Wahrheit, er wolle sich dieses Werk aufs beste lassen empfohlen sein und Gott treulich bitten, um rechten Verstand der göttlichen Schrift zur Besserung und Mehrung der ganzen Christenheit. Amen.

Zu Nürnberg am 15. Septembris. Anno 1530.

Dem ehrbaren und umsichtigen N., meinem geneigten Herrn und Freunde

Gnad und Friede in Christo. Ehrbarer, umsichtiger, lieber Herr und Freund! Ich habe eure Schrift empfangen mit den zwo Quästionen oder Fragen, darin ihr meines Berichts begehrt: Erstlich warum ich »An die Römer« im dritten Kapitel (28) die Worte Sankt Pauli: »Arbitramur hominem iustificari ex fide absque operibus« also verdeutscht habe: »Wir halten, daß der Mensch gerecht werde ohn des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« – und daneben anzeigt, wie die Papisten sich über die Maßen ereifern, weil im Text Pauli nicht stehet das Wort »sola« (allein) und man dürfe solchen Zusatz bei Gottes Worten von mir nicht dulden usw.; zum zweiten: Ob auch die verstorbenen Heiligen für uns bitten, weil wir lesen, daß sogar die Engel für uns bitten usw. Auf die erste Frage, wo es euch gelüstet, mögt ihr euern Papisten von meinetwegen antworten also:

Zum ersten. Wenn ich, D. Luther, mich hätte können des versehen, daß alle Papisten zusammen so kundig wären, daß sie ein Kapitel in der Schrift könnten recht und gut verdeutschen, so wäre ich wahrlich so demütig gewesen und hätte sie um Hilf und Beistand gebeten, das Neue Testament zu verdeutschen. Aber dieweil ich gewußt und noch vor Augen sehe, daß ihrer keiner recht weiß, wie man dolmetschen oder deutsch reden soll, hab ich sie und mich solcher Mühe überhoben. Man merkt es aber gut, daß sie aus meinem Dolmetschen und Deutsch lernen deutsch reden und schreiben und stehlen mir so meine Sprache, davon sie zuvor wenig gewußt; danken mir aber nicht dafür, sondern brauchen sie viel lieber wider mich. Aber ich gönn es ihnen gern, denn es tut mir dennoch wohl, daß ich meine undankbaren Jünger, dazu meine Feinde, reden gelehrt habe.

Zum zweiten könnt ihr sagen, daß ich das Neue Testament verdeutscht habe nach meinem besten Vermögen und aufs gewissenhafteste; habe damit niemand gezwungen, daß er’s lese, sondern es frei gelassen und allein zu Dienst getan denen, die es nicht besser machen können. Es ist niemand verboten, ein bessers zu machen. Wer’s nicht lesen will, der lass es liegen; ich bitte und lobe niemand drum. Es ist mein Testament und mein Dolmetschung und soll mein bleiben und sein. Hab ich drinnen irgendwann geirrt (was mir doch nicht bewußt, auch wollt’ ich gewiss nicht mutwilliglich einen Buchstaben falsch verdolmetschen) – darüber will ich die Papisten als Richter nicht dulden, denn sie haben noch immer zu lange Ohren dazu und ihr »lka, Ika« ist zu schwach, um über mein Verdolmetschen zu urteilen. Ich weiß wohl, und sie wissen’s weniger denn des Müllners Tier, was für Kunst, Fleiß, Vernunft, Verstand zum guten Dolmetschen gehöret, denn sie haben’s nicht versucht.

Es heißt: »Wer am Wege bauet, der hat viel Meister.« Also gehet mir’s auch. Diejenigen, die noch nie haben recht reden können, geschweige denn dolmetschen, die sind allzumal meine Meister, und ich muss ihrer aller Jünger sein. Und wenn ich sie hätte sollen fragen, wie man die ersten zwei Wort Matthäi 1 (1): »Liber Generationis« sollte verdeutschen, so hätte ihrer keiner gewußt Gack dazu zu sagen – und richten nun über das ganze Werk, die feinen Gesellen. Also ging es Sankt Hieronymo auch; da er die Biblia dolmetscht, da war alle Welt sein Meister, er allein war es, der nichts konnte, und es urteilten über das Werk des guten Mannes diejenigen, so ihm nicht genug gewesen wären, daß sie ihm die Schuhe hätten sollen wischen. Darum gehöret große Geduld dazu, wenn jemand etwas öffentlich Gutes tun will; denn die Welt will Meister Klüglin bleiben und muss immer das Ross vom Schwanz her aufzäumen, alles meistern und selbst nichts können. Das ist ihre Art, davon sie nicht lassen kann.

Ich wollt’ dennoch den Papisten freundlich ansehen, der sich herfür tät und etwa eine Epistel Sankt Pauli oder einen Propheten verdeutschet. Sofern daß er des Luthers Deutsch und Dolmetschen nicht dazu gebraucht, da wird man sehen ein fein, schön, löblich Deutsch oder Dolmerschen! Denn wir haben ja gesehen den Sudler zu Dresden, der mein Neues Testament gemeistert hat (ich will seinen Namen in meinen Büchern nicht mehr nennen; zudem hat er auch nun seinen Richter und ist sonst wohl bekannt); der bekennt, daß mein Deutsch süße und gut sei, und sah wohl, daß er’s nicht besser machen könnte und wollt’ es doch zuschanden machen, fuhr zu und nahm vor sich mein Neu Testament, fast von Wort zu Wort, wie ich’s gemacht hab, und tat meine Vorrede, Gloss und Namen davon, schrieb seinen Namen, Vorrede und Gloss dazu, verkauft so mein Neu Testament unter seinem Namen. Ach, lieben Kinder, wie geschah mir da so wehe, da sein Landsfürst mit einer greulichen Vorrede verdammte und verbot, des Luthers Neu Testament zu lesen, doch daneben gebot, des Sudelers Neu Testament zu lesen, welchs doch eben dasselbig ist, das der Luther gemacht hat.

Und daß nicht jemand hier denke, ich lüge, so nimm beide Testamente vor dich, des Luthers und des Sudelers, halt sie gegeneinander, so wirst du sehen, wer in allen beiden der Dolmetscher sei. Denn was er an wenig Orten geflickt und geändert hat – wiewohl mir’s nicht alles gefället, so kann ich’s doch gern dulden und schadet mir nicht besonders, soweit es den Text betrifft; darum ich auch nie dawider hab wollen schreiben, sondern hab der großen Weisheit müssen lachen, daß man mein Neu Testament so greulich gelästert, verdammt, verboten hat, als es unter meinem Namen ist ausgegangen, aber es doch müssen lesen, als es unter eines andern Namen ist ausgangen. Wiewohl, was das für ein Tugend sei, einem andern sein Buch lästern und schinden, darnach daßelbig stehlen und unter eigenem Namen dennoch aus lassen gehen, und so durch fremde verlästerte Arbeit eigen Lob und Namen suchen – das lass ich seinen Richter finden. Mir ist indes genug und bin froh, daß meine Arbeit (wie Sankt Paulus auch rühmet) muss auch durch meine Feinde gefördert und des Luthers Buch ohn Luthers Namen unter seiner Feinde Namen gelesen werden. Wie könnt’ ich mich besser rächen?

Und daß ich wieder zur Sache komme: Wenn euer Papist sich viel Beschwer machen will mit dem Wort »sola-allein«, so sagt ihm flugs also: Doktor Martinus Luther will’s so haben, und spricht: Papist und Esel sei ein Ding. Sic volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas. Denn wir wollen nicht der Papisten Schüler noch Jünger, sondern ihre Meister und Richter sein. Wollen auch einmal stolzieren und prahlen mit den Eselskpfen; und wie Paulus wider seine tollen Heiligen sich rühmet, so will ich mich auch wider diese meine Esel rühmen. Sie sind Doktores? Ich auch! Sie sind gelehrt? Ich auch! Sie sind Prediger? Ich auch! Sie sind Theologen? Ich auch! Sie sind Disputatoren? Ich auch! Sie sind Philosophen? Ich auch! Sie sind Dialektiker? Ich auch! Sie sind Legenten? Ich auch! Sie schreiben Bücher? Ich auch!

Und will weiter rühmen: Ich kann Psalmen und Propheten auslegen; das können sie nicht. Ich kann dolmetschen; das können sie nicht. Ich kann beten, das können sie nicht. Und um von geringeren Dingen zu reden: Ich verstehe ihre eigene Dialektika und Philosophia besser denn sie selbst allesamt. Und weiß überdies fürwahr, daß ihrer keiner ihren Aristoteles verstehet. Und ist einer unter ihnen allen, der ein Proömium oder Kapitel im Aristoteles recht verstehet, so will ich mich lassen prellen. Ich rede jetzt nicht zu viel, denn ich bin durch ihre Kunst alle erzogen und erfahren von Jugend auf, weiß sehr wohl, wie tief und weit sie ist. Ebenso wissen sie auch recht gut, daß ich alles weiß und kann, was sie können. Dennoch handeln die heillosen Leute gegen mich, als wäre ich ein Gast in ihrer Kunst, der überhaupt erst heute morgen kommen wäre und noch nie weder gesehen noch gehört hätte, was sie lernen oder können; so gar herrlich prangen sie herein mit ihrer Kunst und lehren mich, was ich vor zwanzig Jahren an den Schuhen zerrissen habe; so daß ich auch mit jener Metze auf all ihr Plärren und Schreien singen muss: Ich hab’s vor sieben Jahren gewußt, daß Hufnägel Eisen sind.

Das sei auf eure erste Frage geantwortet; und bitte euch, wollet solchen Eseln ja nichts andres noch, mehr antworten auf ihr unnützes Geplärre vom Wort »sola« denn so viel: Luther will’s so haben und spricht, er sei ein Doktor über alle Doktor im ganzen Papsttum; da soll’s bei bleiben. Ich will sie hinfort nur verachten und verachtet haben, so lange sie solche Leute, ich wollt’ sagen, Esel sind. Denn es sind solche unverschämte Tröpfe unter ihnen, die auch ihre eigene, der Sophisten Kunst nie gelernt haben, wie Doktor Schmidt und Doktor Rotzlöffel und seinesgleichen; und stellen sich gleichwohl wider mich in dieser Sache, die nicht allein über die Sophisterei, sondern auch, wie Sankt Paulus sagt, über aller Welt Weisheit und Vernunft ist. Wahrlich: ein Esel braucht nicht viel zu singen: Man kennt ihn auch schon gut an den Ohren.

Euch aber und den Unsern will ich anzeigen, warum ich das Wort »sola« hab wollen brauchen, wiewohl Römer 3 (28) nicht »sola«, sondern »solum« oder »tantum« von mir gebraucht ist. So genau sehen die Esel meinen Text an. Jedoch habe ich anderswo »sola fide« gebraucht und will auch beides, »solum« und »sola«, haben. Ich hab mich des beflissen im Dolmetschen, daß ich rein und klar Deutsch geben möchte. Und ist uns sehr oft begegnet, daß wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben ein einziges Wort gesucht und gefragt, haben’s dennoch zuweilen nicht gefunden. Im Hiob arbeiteten wir also, Magister Philips, Aurogallus und ich, daß wir in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen konnten fertigen. Lieber – nun es verdeutscht und bereit ist, kann’s ein jeder lesen und meistern. Es läuft jetzt einer mit den Augen durch drei, vier Blätter und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen sind, wo er jetzt drüber hingehet wie über ein gehobelt Brett, wo wir haben müssen schwitzen und uns ängsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem Wege räumeten, auf daß man könnte so fein dahergehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den Wald und die Stubben ausroden und den Acker zurichten, da will niemand heran. Es ist bei der Welt kein Dank zu verdienen, kann doch Gott selbst mit der Sonnen, ja, mit Himmel und Erden noch mit seines eigen Sohns Tod keinen Dank verdienen, sie sei und bleibt Welt – in des Teufels Namen, weil sie ja nicht anders will.

Ebenso habe ich hier, Römer 3, sehr wohl gewußt, daß im lateinischen und griechischen Text das Wort »solum« nicht stehet und hätten mich solches die Papisten nicht brauchen lehren. Wahr ist’s: Diese vier Buchstaben s-o-l-a stehen nicht drinnen, welche Buchstaben die Eselsköpf ansehen wie die Kühe ein neu Tor, sehen aber nicht, daß es gleichwohl dem Sinn des Textes entspricht, und wenn man’s will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehöret es hinein, denn ich habe deutsch, nicht lateinisch noch griechisch reden wollen, als ich deutsch zu reden beim Dolmetschen mir vorgenommen hatte. Das ist aber die Art unsrer deutschen Sprache, wenn sie von zwei Dingen redet, deren man eines bejaht und das ander verneinet, so braucht man des Worts solum »allein« neben dem Wort »nicht« oder »kein«. So wenn man sagt: »Der Baur bringt allein Korn und kein Geld.« Nein, ich hab wahrlich jetzt nicht Geld, sondern allein Korn. Ich hab allein gegessen und noch nicht getrunken. Hast du allein geschrieben und nicht durchgelesen? Und dergleichen unzählige Weisen in täglichem Brauch. Ob’s gleich die lateinische oder griechische Sprache in diesen Redeweisen allen nicht tut, so tut’s doch die deutsche und ist’s ihre Art, daß sie das Wort »allein« hinzusetzt, auf daß das Wort »nicht« oder »kein« um so völliger und deutlicher sei. Denn wiewohl ich auch sagen kann: »Der Baur bringt Korn und kein Geld«, so klingt doch das Wort »kein Geld« nicht so völlig und deutlich, als wenn ich sage: »Der Bauer bringt allein Korn und kein Geld«; und hilft hier das Wort »allein« dem Wort »kein« dazu, daß es eine völlige, deutsche, klare Rede wird, denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.

So wenn Christus spricht: »Ex abundantia cordis os loquitur.« Wenn ich den Eseln soll folgen, sie werden mir die Buchstaben vorlegen und so dolmetschen: Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund. Sage mir, ist das deutsch geredet? Welcher Deutsche verstehet solches? Was ist Überfluss des Herzen für ein Ding? Das kann kein Deutscher sagen, es sein denn, er wollte sagen, es bedeute, daß einer ein allzu groß Herz habe oder zuviel Herz habe; wiewohl das auch noch nicht recht ist, denn Überfluss des Herzens ist kein Deutsch, so wenig als das Deutsch ist: Überfluss des Hauses, Überfluss des Kachelofens, Überfluss der Bank, sondern so redet die Mutter im Haus und der gemeine Mann: Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über. Das heißt gutes Deutsch geredet, des ich mich beflissen und leider nicht allwege erreicht noch getroffen habe, denn die lateinischen Buchstaben hindern über die Maßen sehr, gutes Deutsch zu reden.

Ebenso, wenn der Verräter Judas sagt, Matthäi 26 (8): Ut quid perditio haec? und Marci 14 (4): Ut quid perditio ista unguenti facta est? Folge ich den Eseln und Buchstabilisten, so muss ich’s so verdeutschen: Warum ist diese Verlierung der Salben geschehen? Was ist aber das für Deutsch? Welcher Deutsche redet so: Verlierung der Salben ist geschehen? Und wenn er’s recht verstehet, so denkt er, die Salbe sei verloren und müsse sie wohl wieder suchen, wiewohl das auch noch dunkel und ungewiss lautet. Wenn nun das gutes Deutsch ist, warum treten sie nicht herfür und machen uns solch ein fein, hübsch, neu, deutsch Testament und lassen des Luthers Testament liegen? Ich meine eben, sie sollten ihre Kunst an den Tag bringen. Aber der deutsche Mann redet so (Ut quid etc.): Was soll doch solcher Unrat, oder: Was soll doch solcher Schade? Nein, es ist schade um die Salbe – das ist gutes Deutsch, daraus man verstehet, daß Magdalene mit der verschütteten Salbe sei unzweckmäßig umgegangen und habe verschwendet; das war Judas’ Meinung, denn er gedachte, einen besseren Zweck damit zu erfüllen.

Item, da der Engel Mariam grüßet und spricht: Gegrüßet seist du, Maria voll Gnaden, der Herr mit dir. Nun wohl, so ist’s bisher einfach dem lateinischen Buchstaben nach verdeutschet. Sage mir aber, ob solchs auch gutes Deutsch sei? Wo redet der deutsch Mann so: Du bist voll Gnaden? Und welcher Deutscher verstehet, was da heißt: voll Gnaden? Er muss denken an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes; darum hab ich’s verdeutscht: Du Holdselige, worunter ein Deutscher sich sehr viel eher vorstellen kann, was der Engel meinet mit seinem Gruß. Aber hier wollen die Papisten toll werden über mich, daß ich den engelischen Gruß verderbet habe, wiewohl ich dennoch damit nicht das beste Deutsch habe troffen. Und würde ich hier das beste Deutsch genommen haben und den Gruß so verdeutscht: Gott grüße dich, du liebe Maria (denn soviel will der Engel sagen, und so würde er geredet haben, wann er hätte wollen sie deutsch grüßen), ich glaube, sie würden sich wohl selbst erhängt haben vor übergroßem Eifer um die liebe Maria, daß ich den Gruß so zunichte gemacht hätte.

Aber was frage ich danach, ob Sie toben oder rasen, ich will nicht wehren, daß sie verdeutschen, was sie wollen; ich will aber auch verdeutschen, nicht wie sie wollen, sondern wie ich will. Wer es nicht haben will, der lass mir’s stehen und behalte seine Meisterschaft bei sich, denn ich will sie weder sehen, noch hören, sie brauchen für mein Dolmetschen weder Antwort geben noch Rechenschaft tun. Das hörest du wohl: Ich will sagen: »du holdselige Maria, du liebe Maria«, und lass sie sagen: »du voll Gnaden Maria«. Wer Deutsch kann, der weiß, welch ein zu Herzen gehendes, fein Wort das ist: die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Kaiser, der liebe Fürst, der liebe Mann, das liebe Kind. Und ich weiß nicht, ob man das Wort »liebe« auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen ausdrücken kann, das ebenso dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne, wie es tut in unser Sprache.

Denn ich halte dafür, Sankt Lukas als ein Meister in hebräischer und griechischer Sprache, habe das hebräisch Wort, so der Engel gebraucht, wollen mit dem griechischen »kecharitomeni« treffen und deutlich machen. Und denk mir, der Engel Gabriel habe mit Maria geredet, wie er mit Daniel redet und nennet ihn »hamudoth« und »isch hamudoth«, vir desideriorum, das ist: »du lieber Daniel«. Denn das ist Gabrielis Weise zu reden, wie wir im Daniel sehen. Wenn ich nun den Buchstaben nach, aus der Esel Kunst sollt des Engels Wort verdeutschen, müsste ich so sagen: Daniel, du Mann der Begierungen, oder Daniel, du Mann der Lüste. Oh, das wäre schön Deutsch! Ein Deutscher höret wohl, daß »Mann«, »Lüste« oder »Begierungen« deutsche Wort sind, wiewohl es nicht eitel reine deutsche Wort sind, sondern »Lust« und »Begier« wären wohl besser. Aber wenn sie so zusammengefasset werden: Der Mann der Begierungen, so weiß kein Deutscher, was gesagt ist, denkt, daß Daniel vielleicht voll böser Lust stecke. Das hieße denn fein gedolmetscht. Darum muss ich hier die Buchstaben fahren lassen und forschen, wie der deutsche Mann das ausdrückt, was der hebräische Mann »Isch hamudoth« nennt. So finde ich, daß der deutsche Mann so spricht: Du lieber Daniel, du liebe Maria oder: du holdselige Maid, du niedliche Jungfrau, du zartes Weib und dergleichen. Denn wer dolmetschen will, muss großen Vorrat von Worten haben, damit er die recht zur Hand haben kann, wenn eins nirgendwo klingen will.

Und was soll ich viel und lange reden von Dolmetschen? Sollt’ ich aller meiner Wort Ursachen und Gedanken anzeigen, ich müßte wohl ein Jahr dran zu schreiben haben. Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei, das hab ich wohl erfahren, darum will ich keinen Papstesel noch Maulesel, die nichts versucht haben, hierin als Richter oder Tadeler dulden. Wer mein Dolmetschen nicht will, der lass es anstehen. Der Teufel danke dem, der es nicht mag oder ohn meinen Willen und Wissen meistert. Soll’s gemeistert werden, so will ich’s selber tun. Wo ich’s selber nicht tu, da lasse man mir mein Dolmetschen mit Frieden und mache ein jeglicher, was er will, für sich selbst und lebe wohl!

Das kann ich mit gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste Treue und Fleiß drinnen erzeigt und nie kein falsche Gedanken gehabt habe – denn ich habe keinen Heller dafür genommen noch gesucht, noch damit gewonnen. Ebenso hab ich meine Ehre drinnen nicht gesucht, das weiß Gott, mein Herr, sondern hab’s zu Dienst getan den lieben Christen und zu Ehren einem, der droben sitzet, der mir alle Stunde soviel Gutes tut, daß, wenn ich tausendmal soviel und fleißig gedolmetscht, ich dennoch nicht eine Stunde verdienet hätte zu leben oder ein gesund Auge zu haben: Es ist alles seiner Gnaden und Barmherzigkeit, was ich bin und habe, ja, es ist seines teuren Bluts und sauren Schweißes, darum soll’s auch, wenn Gott will, alles ihm zu Ehren dienen, mit Freuden und von Herzen. Lästern mich die Sudeler und Papstesel, wohlan, so loben mich die frommen Christen, samt ihrem Herrn Christo, und bin allzu reichlich belohnet, wenn mich nur ein einziger Christ für einen treuen Arbeiter hält. Ich frag nach Papsteseln nichts, sie sind nicht wert, daß sie meine Arbeit sollen prüfen, und sollt’ mir von Herzens Grund leid sein, wenn sie mich losbeten. Ihr Lästern ist mein höchster Ruhm und Ehre. Ich will dennoch ein Doktor, ja auch ein ausbündiger Doktor sein, und sie sollen mir den Namen nicht nehmen bis an den Jüngsten Tag, das weiß ich fürwahr.

Doch hab ich wiederum nicht allzu frei die Buchstaben lassen fahren, sondern mit großer Sorgfalt samt meinen Gehilfen darauf gesehen, so daß, wo es etwa drauf ankam, da hab ich’s nach den Buchstaben behalten und bin nicht so frei davon abgewichen; wie Johannes 6 (27), wo Christus spricht: »Diesen hat Gott der Vater versiegelt.« Da wäre wohl besser Deutsch gewesen: Diesen hat Gott der Vater gezeichnet, oder, diesen meinet Gott der Vater. Aber ich habe eher wollen der deutschen Sprache Abbruch tun, denn von dem Wort weichen. Ach, es ist Dolmetschen keineswegs eines jeglichen Kunst, wie die tollen Heiligen meinen; es gehöret dazu ein recht fromm, treu, fleißig, furchtsam, christlich gelehret, erfahren, geübet Herz. Darum halt ich dafür, daß kein falscher Christ noch Rottengeist treulich dolmetschen könne; wie das deutlich wird in den Propheten, zu Worms verdeutschet, darin doch wahrlich großer Fleiß angewendet und meinem Deutschen sehr gefolgt ist. Aber es sind Juden dabei gewesen, die Christo nicht große Huld erzeigt haben – an sich wäre Kunst und Fleiß genug da.

Das sei vom Dolmetschen und der Art der Sprachen gesagt. Aber nun hab ich nicht allein der Sprachen Art vertrauet und bin ihr gefolget, daß ich Römer 3 (28) »solum« (allein) hab hinzugesetzt, sondern der Text und die Meinung Sankt Pauli fordern und erzwingen’s mit Gewalt; denn er behandelt ja daselbst das Hauptstück christlicher Lehre, nämlich, daß wir durch den Glauben an Christum, ohn alle Werke des Gesetzes gerecht werden; und schneidet alle Werke so rein ab, daß er auch spricht: des Gesetzes (das doch Gottes Gesetz und Wort ist) Werk nicht helfen zur Gerechtigkeit; und setzt zum Exempel Abraham, daß derselbige sei so ganz ohne Werk gerecht geworden, daß auch das höchste Werk, das dazumal neu geboten ward von Gott vor und über allen andern Gesetzen und Werken, nämlich die Beschneidung, ihm nicht geholfen habe zur Gerechtigkeit, sondern sei ohn die Beschneidung und ohn alle Werk gerecht worden, durch den Glauben, wie er spricht Kap. 4 (2): »Ist Abraham durch Werke gerecht worden, so kann er sich rühmen, aber nicht vor Gott.« Wo man aber alle Werke so völlig abschneidet – und das muß ja der Sinn dessen sein, daß allein der Glaube gerecht mache, und wer deutlich und dürr von solchem Abschneiden der Werke reden will, der muß sagen: Allein der Glaube und nicht die Werke machen uns gerecht. Das erzwinget die Sache selbst, neben der Sprache Art.

Ja, sprechen sie: Es klingt ärgerlich und die Leute lernen daraus verstehen, daß sie keine guten Werke zu tun brauchten. Lieber, was soll man sagen? Ist’s nicht viel ärgerlicher, daß Sankt Paulus selbst nicht sagt: »allein der Glaube«, sondern schüttet’s wohl gröber heraus und stößet dem Faß den Boden aus und spricht: »ohn des Gesetzes Werk«, und Galat. 2 (16): »nicht durch die Werk des Gesetzes« und desgleichen mehr an anderen Orten; denn das Wort »allein der Glaube« könnte noch eine Gloß finden, aber das Wort »ohn Werk des Gesetzes« ist so grob, ärgerlich, schändlich, daß man mit keiner Glossen helfen kann. Wie viel mehr könnten hieraus die Leute lernen, keine gute Werk tun, da sie hören mit so dürren, starken Worten von den Werken selbst predigen: »kein Werk, ohn Werk, nicht durch Werk«. Ist nu das nicht ärgerlich, daß man »ohn Werk, kein Werk, nicht durch Werk« predigt, was sollt’s denn ärgerlich sein, so man dies »allein der Glaube« predigt?

Und was noch ärgerlicher ist: Sankt Paulus verwirft nicht schlichte, gewöhnliche Werke, sondern des Gesetzes selbst. Daraus könnte wohl jemand sich noch mehr ärgern und sagen, das Gesetz sei verdammt und verflucht vor Gott und man solle eitel Böses tun, wie die täten Römer 3 (8): »Laßt uns Böses tun, auf daß es gut werde«, wie auch ein Rottengeist in unsrer Zeit anfing. Sollt’ man um solcher Ärgernis willen Sankt Paulus’ Wort verleugnen oder nicht frisch und frei vom Glauben reden? Lieber, gerade Sankt Paulus und wir wollen solch Ärgernis haben und lehren um keiner ander Ursachen willen so stark wider die Werk und treiben allein auf den Glauben, daß die Leute sollen sich ärgern, stoßen und fallen, damit sie können lernen und wissen, daß sie durch ihr gute Werk nicht fromm werden, sondern, allein durch Christus’ Tod und Auferstehen. Können sie nun durch gute Werk des Gesetzes nicht fromm werden, wie viel weniger werden sie fromm werden durch böse Werk und ohn Gesetz! Darum kann man nicht folgern: Gute Werk helfen nicht – darum helfen böse Werk, gleichwie nicht gut gefolgert werden kann: Die Sonne kann dem Blinden nicht helfen, daß er sehe, darum muß ihm die Nacht und Finsternis helfen, daß er sehe.

Mich wundert aber, daß man sich in dieser offenbaren Sache so kann sperren. Sage mir doch, ob Christus’ Tod und Auferstehn unser Werk sei, das wir tun, oder nicht. Es ist keineswegs unser Werk, noch eines einzigen Gesetzes Werk. Nun macht uns ja allein Christus’ Tod und Auferstehen frei von Sünden und fromm, wie Paulus sagt Röm. 4 (25): »Er ist gestorben um unsrer Sünde willen und auferstanden um unsrer Gerechtigkeit willen.« Weiter sage mir: Welches ist das Werk, womit wir Christus’ Tod und Auferstehen fassen und halten? Es darf niemals ein äußerlich Werk, sondern allein der ewige Glaube im Herzen sein; derselbige allein, ganz allein und ohne alle Werk fasset solchen Tod und Auferstehen, wo es gepredigt wird durchs Evangelion. Was soll’s denn nun heißen, daß man so tobet und wütet, verketzert und brennt, obgleich die Sach im Grund selbst klärlich daliegt und beweiset, daß allein der Glaub Christus’ Tod und Auferstehen fasse ohn alle Werk und derselbige Tod und Auferstehen sei unser Leben und Gerechtigkeit. Wenn es denn an sich offenbar so ist, daß allein der Glaube uns solch Leben und Gerechtigkeit bringet, fasset und gibt, warum soll man denn nicht auch so reden? Es ist nicht Ketzerei, daß der Glaube allein Christum fasset und das Leben gibt. Aber Ketzerei muß es sein, wer solchs sagt oder redet. Sind sie nicht toll, töricht und unsinnig? Die Sachen bekennen sie für recht und strafen doch die Rede von derselbigen Sache als Unrecht; keinerlei Ding darf zugleich Recht und Unrecht sein.

Auch bin ich’s nicht allein, noch der erste, der da sagt, allein der Glaube mache gerecht. Es hat vor mir Ambrosius, Augustinus und viel andere gesagt. Und wer Sankt Paulum lesen und verstehen soll, der muß sicher so sagen und kann nicht anders. Seine Wort sind zu stark und dulden kein, ganz und gar kein Werk. Ist’s kein Werk, so muß es der Glaube allein sein. Oh, wie würde es eine gar feine, nützliche, unärgerliche Lehre sein, wenn die Leute lernten, daß sie neben dem Glauben auch durch Werk fromm könnten werden. Das wäre so viel gesagt wie, daß nicht allein Christus’ Tod fein geehret, dass unsere Werk ihm hülfen und könnten das auch tun, was er tut, auf daß wir ihm gleich gut und stark wären. Es ist der Teufel, der das Blut Christi nicht kann ungeschändet lassen.

Weil nun die Sache im Grund selbst fordert, daß man sage: »Allein der Glaube macht gerecht«, und unsrer deutschen Sprache Art, die solchs auch lehrt so auszusprechen – habe dazu der heiligen Väter Exempel und zwinget auch die Gefährdung der Leute, daß sie an den Werken hangen bleiben und den Glauben verfehlen und Christum verlieren, sonderlich zu dieser Zeit, da sie so lang her der Werk gewöhnet und mit Macht davon losgerissen werden müssen: So ist’s nicht allein recht, sondern auch hoch vonnöten, daß man aufs allerdeutlichste und völligste heraus sage: Allein der Glaube ohn Werk macht fromm; und reuet mich, daß ich nicht auch dazu gesetzt habe »alle« und »aller«, also: »Ohn alle Werk aller Gesetz«, daß es voll und rund heraus gesprochen wäre. Darum soll’s in meinem Neuen Testament bleiben, und sollten alle Papstesel toll und töricht werden, so sollen sie mir’s nicht heraus bringen. Das sei jetzt davon genug. Weiter will ich, so Gott Gnade gibt, davon reden im Büchlein De iustificatione.

Auf die andere Frage, ob die verstorbenen Heiligen für uns bitten. Darauf will ich jetzt kürzlich antworten, denn ich gedenk, einen »Sermon von den lieben Engeln« ausgeben zu lassen, darin ich dies Stück ausführlicher, will’s Gott, behandeln werde. Erstlich wisset ihr, daß im Papsttum nicht allein das gelehret ist, daß die Heiligen im Himmel für uns bitten, welchs wir doch nicht wissen können, weil die Schrift uns solchs nicht sagt, sondern auch, daß man die Heiligen zu Göttern gemacht hat, daß sie unsre Patrone haben müssen sein, die wir anrufen sollen, etliche auch, die nie gelebt haben, und einem jeglichen Heiligen sonderliche Kraft und Macht zugeeignet, einem über Feuer, diesem über Wasser, diesem über Pestilenz, Fieber und allerlei Plage, so daß Gott selbst hat ganz müßig sein müssen und die Heiligen lassen an seiner Statt wirken und schaffen. Diesen Greuel fühlen die Papisten jetzt wohl und ziehen heimlich die Pfeifen ein, putzen und schmücken sich nun mit der Fürbitt der Heiligen. Aber dies will ich jetzt aufschieben. Aber ich stehe dafür, daß ich’s nicht vergessen und solchs Putzen und Schmücken nicht ungebüßet hingehen lassen werde!

Zum andern wisset ihr, daß Gott mit keinem Wort geboten hat, Engel oder Heilige um Fürbitt anzurufen, habt auch in der Schrift des kein Exempel; denn man findet, daß die lieben Engel mit den Vätern und Propheten geredet haben, aber nie ist einer für sie um Fürbitt gebeten worden, so daß auch der Erzvater Jakob seinen Kampfengel nicht um Fürbitt bat, sondern nahm allein den Segen von ihm. Man findet aber wohl das Widerspiel in der Apokalypse, daß der Engel sich nicht wollt’ lassen anbeten von Johannes, und ergibt sich also, daß Heiligendienst sei ein bloßer Menschentand und ein eigen Fündlein ohne Gottes Wort und die Schrift.

Weil uns aber in Gottes Dienst nichts gebührt vorzunehmen ohn Gottes Befehl, und wer es vornimmt, das ist eine Gottesversuchung; darum ist’s nicht zu raten noch zu leiden, daß man die verstorbenen Heiligen um Fürbitt anrufe oder anrufen lehre, sondern soll’s vielmehr verdammen und meiden lehren. Derhalben ich auch nicht dazu raten und mein Gewissen mit fremder Missetat nicht beschweren will. Es ist mir selber aus der Maßen saur worden, mich von den Heiligen loszureißen, denn ich über alle Maßen tief drinnen gesteckt und ersoffen gewesen bin. Aber das Licht des Evangelii ist nu so helle am Tag, daß hinfort niemand entschuldigt ist, wo er in der Finsternis bleibt. Wir wissen alle sehr wohl, was wir tun sollen.

Darüber hinaus ist’s an sich ein gefährlicher, verführerischer Dienst, so daß die Leute sich gewöhnen, gar leicht sich von Christo zu wenden und lernen bald mehr Zuversicht auf die Heiligen, denn auf Christo selbst zu setzen. Denn es ist die Natur ohnedies allzusehr geneigt, von Gott und Christo zu fliehen und auf Menschen zu trauen. Ja, es wird aus der Maßen schwer, daß man lerne auf Gott und Christum trauen, wie wir doch gelobt haben und schuldig sind. Darum ist solch Ärgernis nicht zu dulden, womit die schwachen, und fleischlichen Leute ein Abgötterei anrichten wider das erste Gebot und wider unsre Taufe. Man treibe nur getrost die Zuversicht und Vertrauen von den Heiligen zu Christo, beides, mit Lehren und mit üben; es hat dennoch Mühe und Hindernis genug, daß man zu ihm kommt und recht ergreift. Man braucht den Teufel nicht über die Tür malen, er findet sich gut von selbst.

Zuletzt sind wir völlig gewiß, daß Gott nicht drum zürnet, und sind ganz sicher, wenn wir die Heiligen nicht um Fürbitt anrufen, weil er’s nirgends geboten hat. Denn er spricht, daß er sei ein Eiferer, der die Missetat heimsucht an denen, die sein Gebot nicht halten. Hier aber ist kein Gebot, darum auch kein Zorn zu fürchten. Weil denn hier auf dieser Seiten Sicherheit ist und dort große Gefahr und Ärgernis wider Gottes Wort, warum wollten wir uns denn aus der Sicherheit begeben in die Gefahr, wo wir kein Gottes Wort haben, das uns in der Not halten, trösten oder erretten kann? Denn es stehet geschrieben: »Wer sich gern in die Gefahr gibt, der wird drinnen umkommen.« Auch spricht Gottes Gebot: »Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen.«

Ja, sprechen sie, damit verdammst du die ganze Christenheit, die allenthalben solchs bisher gehalten hat. Antwort: Ich weiß sehr wohl, daß die Pfaffen und Mönch solchen Deckel ihrer Greuel suchen und wollen auf die Christenheit schieben, was sie übel bewahrt haben, auf daß, wenn wir sagen, die Christenheit irre nicht, so sollen wir auch sagen, daß sie auch nicht irren, und so kein Lüge auch Irrtum an ihnen könne gestraft werden, weil es die Christenheit so hält. So ist denn keine Wallfahrt, wie offenbarlich der Teufel auch da sei, kein Ablaß, wie grob die Lüge auch sei, unrecht. Kurzum: eitel Heiligkeit ist da. Darum sollt ihr hierzu so sagen: Wir handeln jetzt nicht davon, wer verdammt oder nicht verdammt sei. Diese fremde Sache mengen sie da hinein, auf daß sie uns von unsrer Sache abführen. Wir handeln jetzt von Gottes Wort; was die Christenheit sei oder tu, das gehört an ein ander Ort. Hier fragt man, was Gottes Wort sei oder nicht. Was Gottes Wort nicht ist, das macht auch keine Christenheit.

Wir lesen zur Zeit Eliä des Propheten, daß öffentlich kein Gotteswort noch Gottesdienst war im ganzen Volk Israel, wie er spricht: »Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre umgegraben, und ich bin gar alleine.« Hier wird der König Ahab und andere auch gesagt haben: Elia, mit solcher Rede verdammst du das ganze Volk Gottes. Aber Gott hatte gleichwohl siebentausend behalten. Wie? Meinst du nicht, daß Gott unter dem Papsttum jetzt auch habe können die Seinen erhalten, obgleich die Pfaffen und Mönche in der Christenheit eitel Teufelslehrer gewesen und in die Höll gefahren sind? Es sind gar viel Kinder und junges Volk gestorben in Christo; denn Christus hat mit Gewalt unter seinem Widerchrist die Taufe, dazu den bloßen Text des Evangelii auf der Kanzel und das Vaterunser und den Glauben erhalten, damit er gar viel seiner Christen und also seine Christenheit erhalten und den Teufelslehrern nichts davon gesagt.

Und ob die Christen gleich haben etliche Stücke der päpstlichen Greuel getan, so haben die Papstesel damit noch nicht beweiset, daß die lieben Christen solchs gern getan haben, viel weniger ist damit beweiset, daß die Christen recht getan haben. Christen können wohl irren und sündigen allesamt, Gott aber hat sie allesamt gelehrt beten um Vergebung der Sünden im Vaterunser und hat ihre solche Sünde, die sie haben müssen ungern, unwissend und von dem Widerchrist gezwungen tun, wohl gewußt zu vergeben, und dennoch Pfaffen und Mönchen nichts davon sagen. Aber das kann man wohl beweisen, daß in aller Welt immer ein groß heimlich Mummeln und Klagen gewesen ist wider die Geistlichen, als gingen sie mit der Christenheit nicht recht um. Und die Papstesel haben auch solchem Mummeln mit Feur und Schwert trefflich widerstanden bis auf diese Zeit hin. Solch Mummeln beweiset gut, wie gern die Christen solch Greuel gesehen und wie recht man daran getan habe. Ja, lieben Papstesel, kommet nun her und saget, es sei der Christenheit Lehre, was ihr erstunken, erlogen und wie Bösewichter und Verräter der lieben Christenheit mit Gewalt aufgedrungen und wie Erzmörder viel Christen darüber ermordet habt. Bezeugen doch alle Buchstaben in allen Papstgesetzen, daß nichts aus Willen und Rat der Christenheit jemals sei gelehrt, sondern eitel »districte precipiendo mandamus« ist da; das ist ihr heiliger Geist gewesen. Solch Tyrannei hat die Christenheit müssen leiden, womit ihr das Sakrament geraubt und ohn ihr Schuld so im Gefängnis gehalten ist. Und die Esel wollten solch unleidlich Tyrannei ihres Frevels uns jetzt für eine freiwillige Tat und Exempel der Christenheit verkaufen und sich so fein putzen. Aber es will jetzt zu lang werden. Es sei diesmal genug auf die Frage. Ein andermal mehr. Und haltet mir meine lange Schrift zu gut. Christus unser Herr sei mit uns allen. Amen.

Ex Eremo octava Septembris. 1530.

Martinus Luther

Euer guter Freund

Dem Ehrbarn und umsichtigen N., meinem geneigten Herrn und Freunde.

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Lucas Cranach d. Ä.: Martin Luther